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DIESE GESCHICHTE IST EINE GESCHICHTE über einen Versuch, aus der Vergangenheit etwas zu lernen und manches besser zu machen als die Eltern und dabei in Verstrickungen zu geraten, aus denen auch zu lernen wäre. Diese Geschichte ist auch meine Geschichte, und sie beginnt am 26. November 1950, einem Sonntag. Dem Totensonntag des Jahres 1950.

 

An jenem Tag machte eine Zeitung (Ost), das NEUE DEUTSCHLAND, mit der  Forderung nach freien demokratischen Wahlen in ganz Berlin auf.  Ebenfalls auf der Seite eins wies sie kleingedruckt auf einen Sonderverkauf von punktfreien Textilien hin[1], eine andere Zeitung (West), DER TAGESSPIEGEL, berichtete an jenem Sonntag u. a. vom Krieg in Korea und vom Ausbruch des Aetna.[2]

 

Den Sonntag machten die von Westen zuströmende(n) Meeresluftmassen  zu  einem milden Spätherbsttag. Das war „gutes Wetter“ für die Leute von  Großkoschen, um zum Friedhof am Dorfrand zu gehen, der toten Eltern, Kinder, Geschwister oder Freunde zu gedenken. Die Frauen standen nicht nur an deren Ruhestätten, sondern schauten auch, was Nachbarn, Freunde, Bekannte auf die Grabstätten gelegt hatten. An der Art und Größe der Gestecke maßen sie, wie sehr diese ihren Verwandten verbunden waren. Noch Tage danach tauschten sie sich darüber mit Nachbarn, Freundinnen, Bekannten oder Kolleginnen aus.

 

 

 

Auf dem Friedhof gab es in der rechten Ecke unter den Linden ein namenloses Grab. Im Februar war dort Großmutter Alwiene Teichmann beigesetzt worden. Wer wird es am Sonnabend geschmückt haben? Großvater. Der ältere Sohn und seine neue Frau, die Onkel und Tante zu nennen, mir noch heute schwer fällt. Meine hochschwangere Mutter. Wer wird es am Sonntag besucht haben. Großvater. Der ältere Sohn und seine neue Frau. Meine Eltern waren sicher zu Hause geblieben. Sie entzogen sich diesem Totensonntags-Brauch, und das nicht nur, weil sie Zugezogene waren. Ihnen war der Dorftratsch zuwider.

 

 

 

In der Dorfmitte, an der „großen Kreuzung“, gab es noch einen Friedhof. Jedenfalls sah ich das als Kind so. Da waren einmal die  Steine, die wie Grabsteine aussahen, da kamen zum anderen ältere Frauen, verwelkte Blumen gegen frische zu tauschen. Im Winter lagen dort Gestecke, wie ich sie vom Friedhof am Dorfrand kannte. Einmal fragte ich meine Mutter, warum wir dort kein Grab hätten. Sie nannte meine Frage dumm. Das wäre kein Friedhof, sondern ein Kriegerdenkmal. Ich konnte mit dem Wort Kriegerdenkmal nichts anfangen, fragte aber nicht weiter. Meine Neugier war erloschen. Die Mutter hatte eine Grenze gezogen, weitere Fragen waren nicht zugelassen. Ich wusste in diesem Fall, was sich für ein Kind gehörte: Mund halten oder von etwas anderem reden, den Zorn der Mutter nicht schüren. Kinder mussten gehorchen, aufs Wort, wenn möglich. Das hatte ich früh gelernt.

 

 

 

Am Nachmittag jenes Totensonntags setzten bei meiner Mutter die Wehen ein. Der  Vater schwang sich aufs Fahrrad und fuhr quer durch den Wald in das Nachbardorf, die Hebamme zu holen. Aber sie konnte nichts ausrichten und schickte meinen Vater, es war schon dunkel geworden, noch einmal los. Diesmal auf den weiteren Weg in die Stadt, nach Senftenberg. Der Arzt musste her. Er kam mit dem Auto und mit meinem Vater und zog mich mit einer Zange unter tatkräftiger Hilfe der Hebamme, meines Vaters und von Großmutter Sabine aus Nürnberg in die Welt. Großvater, Onkel und Tante nebenan hielten sich die Ohren zu. Denn meine Mutter heulte und brüllte vor Schmerzen. Als ich den ersten Schrei von mir gab, war es schon Montag geworden. Montag, der 27. November 1950.

 

 

 

Mein Vater gab mir den Namen Karin, meine Mutter den Namen Irene. Irene – so hieß ein schmächtiges blasses Mädchen, das in den 40-er Jahren als Pflegekind in der Familie ihres ältesten Bruders Friedrich, gelebt hatte. Meine Mutter liebte dieses Kind. Sie hatte viel Zeit mit ihm verbracht. Als sich der Bruder scheiden ließ, kam  das Mädchen in das Heim zurück, aus dem er es einst geholt hatte. Meine Mutter konnte ihm das nicht verzeihen. Sie suchte später nach jener Irene. Aber sie lebte schon in einer neuen Familie.

 

Im Nachlass meiner Mutter finden sich Fotos, die in den  50-er Jahren in der Wohnung des Onkels gemacht wurden. Ich hätte sie längst weggeworfen, wie ich viele Fotos aussortiert und weggeworfen habe, die für meinen Sohn und meine Enkel ohne Bedeutung sind, wenn Friedrich. darauf nicht jenen kleinen quadratischen Bart von besonderer Art  (Bertolt Brecht) trüge: den Hitler-Oberlippenbart. Als Kind hatte ich mir die Fotos manchmal angeschaut, und sicher hatte ich über diesen Bart auch gelacht, weil er mir albern erschienen war. Er stammte – so hatte ich es früh in der Schule gehört - aus einer vergangenen, überwundenen Zeit. Meine Mutter wird dann den einen Satz gesagt haben, den so oft sagte und der jedes weitere Fragen verbot: Das verstehst du nicht.

 

Friedrich lief mit dem Bart auch noch  herum, als er uns zum ersten Male besuchte. Das muss 1962 oder 1963 gewesen sein. Ich erinnere mich, wie meine Mutter meinem Vater zuflüsterte, ihr sei dieser Anblick peinlich. Mein Vater nahm es gelassen. An der Grenze hatte niemand den Schwager zurückgewiesen. Ich höre auch noch die Tante sagen, die den Unmut meiner Mutter gespürt haben musste, der Onkel  habe den Bart auf ihren Rat hin nicht abrasiert. Sie wollte keinen Ärger bei den Grenzkontrollen, weil dann Passbild und Aussehen nicht übereingestimmt hätten.

 

 

 

Ich freute mich immer, wenn Tante und Onkel aus Nürnberg zu Besuch kamen. Es gab viele Geschenke. Es waren besondere Tage, vielleicht auch weil meine Mutter glücklich war und ihren Bruder zu verwöhnen suchte, wovon auch ich profitierte: vom guten Essen, das meine Mutter Tag für Tag kochte, und den vielen Ausflügen, die wir mit den Gästen machten. Diese Freude überdeckte jede Frage, jede Neugier. Bis heute geblieben ist die Überzeugung, um diesen Onkel, dem meine Mutter auf eine besondere Weise verbunden war, muss ein Geheimnis gewebt sein. Denn was brachte einen erwachsenen Mann, der als Beamter beim Staatsunternehmen Deutsche Bahn einen Eid auf das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland abgelegt hatte, dazu, fast zwanzig Jahre nach dem Untergang des Dritten Reiches  mit so einem Bart herumzulaufen?

 

 

 

Niemand hat mir gegenüber jemals auch nur ein Wort über die Verstrickungen des Onkels in das ZWÖLFJÄHRIGE REICH  verloren. Mein Vater nicht, meine Mutter nicht und auch Tante Franziska nicht. Die Tante machte nie ein Geheimnis daraus, dass Heinz, ihr Mann, in der SS gewesen war. In der Fotosammlung meiner Mutter, die sie in einem Schuhkarton aufbewahrte und in dem ich gern kramte, steckte ein Foto von Franziska und Heinz. Die SS-Runen waren übermalt worden. Auf die Rückseite hatte jemand SS-Zeichen wegretuchieren geschrieben. Der Mann auf dem Foto gefiel mir. Er war groß gewachsen, schwarzhaarig, und er hatte dunkle Augen. Exotisch sähe er aus, fast wie ein Zigeuner, scherzte die Tante einmal. Sie erzählte, dass er in jener Zeit einen noch größeren „Makel“ gehabt hätte: Er konnte keinen vollständigen Ariernachweis vorlegen. Er wusste nicht, wer sein Vater war. Seine Mutter gab das Geheimnis auch auf sein Drängen nicht preis. Da hätte er sich gesagt, dass er gerade unter diesen Leuten sicher vor Verfolgung sein könnte.

 

Warum bei Heinz die Offenheit, warum bei Friedrich das Schweigen? Verbargen sie alle in dem Geheimnis noch ein anderes, ein schwerwiegenderes, das eben nur durch hartnäckiges Schweigen ein Geheimnis bleiben konnte? Was hatte der Bruder den beiden Schwestern erzählt? Was wussten sie über seine ersten Jahre bei der SA? Was hatten sie gesehen? Was wussten sie über seine Fahrten ins „Generalgouvernement“ 1944? Hatte er nur erwähnt, dass er sich manchmal in Gefahr begeben hätte, wenn er Polen, denen verboten war, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, auf der Lokomotive mitgenommen hatte.

 

 

 

Friedrich war am 1. September 1929, vier Wochen nach dem Reichsparteitag der NSDAP, Mitglied in der Partei und in der SA geworden. Er war 16 Jahre alt und wurde in den ZÜNDAPPWERKEN in Nürnberg, einem der bedeutendsten Motorradhersteller Deutschlands, zum Schlosser ausgebildet.

 

 

 

Nürnberg war in jener Zeit eine Stadt voller Widersprüche, wie das ganze Land voller Widersprüche war. Zwei Welten existierten nebeneinander. Die bisherige. Eine andere, die eine neue sein sollte. Am 28. Juli wurde am Rechenberg der Grundstein für ein Ludwig-Feuerbach-Denkmal gelegt. Die Stadt wollte damit den Philosophen und Religionskritiker ehren, der von 1860 bis zu seinem Tod am 13. September 1872 dort gelebt hatte. Am gleichen Tag feierten 50 000 Zuschauer im Nürnberger Stadion den Sieg der Spielvereinigung Fürth über Hertha-B.S.C. Berlin. Die Fußballer aus der Nachbarstadt waren zum dritten Mal deutscher  Meister geworden. Drei Tage später wurde in der Stadt der Reichsparteitag der NSDAP eröffnet, und damit prallten die zwei Welten aufeinander:

 

Zum Reichsparteitag der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei kamen mit 35 Sonderzügen und den fahrplanmäßigen Zügen Zehntausende von Teilnehmern und Gästen aus ganz Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei, aus Amerika, Schweden, Finnland, England und Italien nach Nürnberg.

 

So ist es im VERWALTUNGSBERICHT FÜR DIE STADT NÜRNBERG  DENKWÜRDIGE VORFÄLLE über jene ersten vier Augusttage 1929 in sachlichem Ton zu lesen.

 

Die Tagung brachte am 1. und 2. August eine Reihe von Sondertagungen und am Freitag, den 2. August, vormittags, die Eröffnung des Delegiertenkongresses im Kulturvereinssaal. … Am Abend des gleichen Tages fand im Stadion ein Konzert (350 Musiker und Spielleute) mit Großfeuerwerk statt. Am Samstag, den 3. August, wurden die Sondertagungen fortgesetzt, desgleichen der Kongress … Nach 9 Uhr abends, bewegte sich ein großer Fackelzug der gesamten Sturmabteilungen (S.A.) vom Hauptbahnhof aus über den Ring, Plärrer zum Hauptmarkt und von dort durch die Königsstraße zum Hauptbahnhof. Sonntag, den 4. August,  Vormittag 8 Uhr, fand eine Totenehrung  der Helden des Weltkrieges im Luitpoldhain statt.  General von Epp gedachte an einem Sarkophag vor dem Platze des zukünftigen Gefallenendenkmals in pietätvollen Worten der Gefallenen. Zum Schlusse sprach er seine Meinung dahin aus, dass der wehrhafte Heldengeist wieder auf seinen alten Platz gehoben werden müsse, um die Befreiung  Deutschlands zu erlangen. Auf einem anderen Platz des Luitpoldhains nahm Adolf Hitler die Weihe von 24 neuen Fahnen und Standarten vor. Im Anschluss hieran folgte ein Festmarsch der Sturmabteilungen mit allen Standarten und Spielmannszügen zur Stadt über den Plärrer zum Hauptmarkt, woselbst ein Vorbeimarsch vor Adolf Hitler und den Führern der Bewegung stattfand. Vom  Hauptmarkt bewegte sich der Zug zum Hauptbahnhof, wo er sich auflöste. Der Vorbeimarsch des Zuges, der sich durch dichtes Menschenspalier bewegte, dauerte etwa 2 ½ Stunden. … Am Nachmittag wurde der Kongress fortgesetzt und beendet. Während des Parteitages erfolgten mehrere Zusammenstöße zwischen uniformierten Nationalsozialisten und Kommunisten. [3]

 

 

 

Gingen da wirklich nur Kommunisten und Faschisten aufeinander los, rote und braune Rabauken, Proleten, wie mein Vater sagte?

 

In der NACHRICHTENSAMMELSTELLE DES REICHSINNENMINISTERIUMS notierte man:

 

 

 

Am 2. August stürmten in Nürnberg 20 – 30 Nationalsozialisten die vordere Plattform eines Straßenbahnwagens und schlugen auf den Führer und mehrere Fahrgäste ein. Der Straßenbahnwagen bewegte sich hinter einem etwa 100 Mann starken Zuge der NSDAP, der der polizeilichen Aufforderung, die Fahrbahn freizumachen und sich auf die linke Straßenseite zu begeben, nicht nachkam … Am 4. August kam es in einer Wirtschaft zwischen mehreren  Nationalsozialisten und Andersdenkenden – einem anwesenden Gast soll ein gewerkschaftliches Abzeichen abgenommen worden sein - zu Tätlichkeiten, in deren Verlauf die Nationalsozialisten mit Biergläsern und Flaschen warfen. Schnell herbeigeeilte nationalsozialistische Trupps eröffneten von außen gegen das Lokal ein Bombardement mit Bierflaschen. [4]

 

 

 

Mein Vater, im gleichen Alter wie der Onkel, war zu jener Zeit auch Lehrling, Malerlehrling in Wittichenau (Oberlausitz). Was sich damals in der kleinen Stadt abspielte, weiß ich nicht. Wir haben nie darüber gesprochen. Ich weiß nur, im nahen Hoyerswerda begann die NSDAP erst um 1929, eine Ortsgruppe zu gründen. Ab 1931 arbeitete mein Vater in der Stadt. Vielleicht hat er  Szenen dieser Art beobachtet, von denen die HOYERSWERDAER NACHRICHTEN am 3. Februar 1931 berichteten:

 

 

 

Die für den letzten Freitag von der nationalsozialistischen Partei anberaumte Versammlung konnte nicht stattfinden, wenigstens nicht in der Form wie es vorgesehen war. Allerdings war der Andrang ein gewaltiger, so dass schon vor Beginn der Saal polizeilich gesperrt werden musste. Besonders die Gegenparteien waren in Menge erschienen, und als der Versammlungsleiter den Abend eröffnen wollte, steigerte sich bei diesen die Unruhe, vermehrt durch lautes Rufen und Absingen der Internationale, in so hohem Maße, dass an eine ordnungsgemäße Durchführung gar nicht zu denken war und die Versammlung abgebrochen wurde. Die Massen wälzten sich wieder hinaus und sammelten sich auf dem freien Platze vor dem Schützenhause, von wo aus dann nach kurzem Aufenthalte ein Zug, der sich wohl hauptsächlich aus Reichsbanner und SPD zusammensetzte, zum Markte sich bewegte. Hier wurde vor dem Rathaus Aufstellung genommen und von der Rampe aus wurden einige Ansprachen gehalten. Inzwischen hatten sich im kleinen Saale des Schützenhauses die Mitglieder und Anhänger der NSDAP wieder versammelt, wo der für den Abend gewonnene Redner noch seinen Vortrag halten konnte. Man hatte ja von vorn herein schon mit etwas tumultuarischen Auswüchsen gerechnet und dementsprechend einige Vorsichtsmaßregeln getroffen; so waren anstelle der Holzstühle im Saale eiserne Gartenstühle aufgestellt, und außerdem sollten keine Getränke verabfolgt werden, infolgedessen dürften größere Sachbeschädigungen und Körperverletzungen vermieden sein. Hinterher auf der Straße hat sich dann noch wohl ein Zusammenstoß abgespielt, indem auf dem Markte zwei Stahlhelmer angefallen worden sind und einer von diesen starke Verletzungen am Kopf davongetragen hat.[5]

 

 

 

Solche Szenen dürfte mein Vater durchaus mit Neugier beobachtet haben, wie er auch unter den Zuschauern war, als Hitler Weimar besuchte, oder wie er an einem Sonntag den Ettersberg hinauflief, um mit eigenen Augen das Lager zu sehen, von  dem in der Stadt erzählt wurde. Aber wenn er etwas über die Auseinandersetzungen in jenen Jahren  erzählte, schwang in seinen Sätzen ein Ton mit, der nach Angewidert-sein klang, aber auch nach einem Quentchen Distanz, wenn nicht gar auch etwas überheblich. War er noch immer stolz darauf, dass er sich als Schüler der MITTELDEUTSCHEN MEISTERSCHULE DES MALERHANDWERKS in Weimar der geforderten Mitgliedschaft in der SA entziehen konnte? In seinem Nachlass fand ich einen unvollständig ausgefüllten Aufnahmeantrag für die Organisation und eine schriftliche Aufforderung zum Exerzieren am Wochenende zu erscheinen.

 

 

 

Ich frage mich, wie haben es Großmutter und Großvater in Nürnberg aufgenommen, dass der älteste, aber noch nicht volljährige Sohn vier Wochen nach den Massenaufmärschen, den Straßen- und Wirtshausschlägereien bei den Leuten war, die in wenigen Tagen in der Stadt Angst und Schrecken verbreitet, aber auch Jubelstürme ausgelöst hatten. Hatte der Sohn sie um Erlaubnis gebeten, in diese Partei und ihren Schlägertrupp eintreten zu dürfen? Dass er spontan Freunden gefolgt und sich in die Mitgliederlisten eingetragen hattte[*], das glaube ich nicht, denn in den Archiven fand ich Hinweise, dass er schon 1928 dabei gewesen sein muss.

 

Vielleicht hat der Onkel seine Entscheidung vor den Eltern lange Zeit geheim gehalten. Eine andere Möglichkeit: Die Großeltern haben sich über das Engagement ihres Sohnes gefreut und seinen Entschluss gebilligt. Vielleicht aber haben sie seine Entscheidung auch widerwillig hingenommen. Dann hätten sie geahnt, dass sie in dieser aufgeheizten Stimmung keine Chance hatten, ihre elterliche Autorität durchzusetzen.

 

Die NSDAP hatte zum Reichsparteitag 1929 mit den Märschen durch das Zentrum von Nürnberg, den Schlägereien und Überfällen, bei denen zwei Menschen starben, viel Aufmerksamkeit weit über die Stadt hinaus gefunden. Sie begann, sich mit der Gründung von Ortsgruppen (auch auf dem Lande) in den fränkischen Regionen zu etablieren. In Coburg hatte sie bei den Stadtratswahlen am 23. Juni zum ersten Mal in Deutschland mit 43 % die absolute Mehrheit errungen.

 

Vielleicht aber war den Großeltern auch klar geworden, dass der Sohn auf diese Weise der Enge der Wohnung und der Enge ihres Alltags mit den ewigen Sorgen um Geld, mit dem Ringen um Anerkennung und Selbstachtung entfliehen wollte? Vielleicht erkannten sie in seiner Entscheidung den Versuch, sehr früh seinen eigenen Weg zu gehen? Vielleicht wussten sie, dass er taub geworden war gegenüber vielen ihrer Forderungen und Vorwürfe?

 

Dass ich hier nur Fragen stelle, auf die ich keine Antworten finde, zeigt mir, wie wenig ich doch über die Großeltern weiß. Sie waren dem elenden Leben in ihren Dörfern entflohen und nach Nürnberg gegangen. Hier wurde der Bierbrauer Heinrich D. Transportarbeiter und später Kranführer. Hatte er sich in der Gewerkschaft organisiert? Wie stand er zu den beiden großen Arbeiterparteien? Darüber sprachen wir in der Familie nie. Meine Mutter erzählte nur, dass der Vater in den Kriegsjahren manchmal Volkskunstarbeiten sowjetischer Zwangsarbeiter mitbrachte, die er heimlich gegen Brot getauscht hatte. Sie erzählte auch, dass in der Familie die Mutter den Ton angab, und hätte sie das nicht getan, die Großeltern und die fünf Kinder hätten eines Tages mit Möbeln, Bettzeug, Kleidung und Geschirr auf der Straße gestanden. Der Großvater, Arbeiter bei SIEMENS-SCHUCKERT, saß nach der Schicht oft in einer der Eckkneipen in der Nürnberger Südstadt. Die  Großmutter trug Zeitungen aus, sie zupfte Hopfen, wusch für andere Leute Wäsche, und die Kinder, vor allem die drei Töchter, mussten dabei helfen. Die Familie bewirtschaftete zwei Kleingärten. Die Kinder freuten sich, wenn sie die großen Körber mit Pflaumen z. B., die die Verwandten vom Lande geschickt hatten, mit dem Handwagen vom Bahnhof abholen durften. Aber das alles reichte nur, um für sieben Personen ein Dach über dem Kopf zu sichern und sie satt zu bekommen. Für vieles andere musste das Wohlfahrtsamt der Stadt Nürnberg sorgen, für Schulhefte und Bleistifte, für das Konfirmationskleid meiner Mutter. Die Großmutter sprach oft von ihrer Angst, einmal mit den fünf Kindern und dem Wenigen, was sie hatten, auf der Straße zu stehen, und übertrug sie auch auf meine Mutter, die solche Szenen oft gesehen hatte: Frauen und Kinder auf dem Bürgersteig stehend mit all ihrer Habe, weinend oder zeternd oder auch ganz still und apathisch – Wo waren in jenem Momenten die Männer? – dem Mitleid oder der Häme der Nachbarn und Passanten ausgeliefert.

 

 

 

Wenn meine Mutter davon erzählte, folgte manchmal der Satz: Wir waren zu viele Kinder. Einmal sagte sie auch: Wir hätten durchaus mehr als fünf sein können. Dass es nicht so kam, hatten die Großeltern einem Arzt zu verdanken, der  Großmutter während einer Blinddarmoperation  sterilisiert hatte. Sie war ihm dafür sehr verbunden, wusste sie doch, welches Risiko er eingegangen war. In der Weimarer Republik galt eine Sterilisation ohne medizinische Indikation als schwere Körperverletzung: Die wurde mit Gefängnis bis zu zehn Jahren bestraft.

 

 

 



[*] Damals, so behauptet es Eva Sternheim-Peters in ihrem Buch HABE ICH DENN ALLEIN GEJUBELT? EINE JUGEND IM NATIONALSOZIALISMUS. Köln 2000, S. 262,, war ein einfaches (aber nicht stellvertretendes) Einschreiben in die Mitgliederliste der NSDAP möglich Erst ab 1937 mussten mehrseitige Antragsformulare ausgefüllt  und außerdem ein Lebenslauf und  Gesinnungsbeweise vorgelegt werden.

 



[1] Neues Deutschland. 5. Jg. Nr. 277. 26. November 1950. S. 1.

[2] Der Tagesspiegel. 6. Jg. Nr. 1586. 26. November 1950. S. 1.

[3] Verwaltungsbericht der Stadt Nürnberg 1929/30. S. 13 ff.

[4] Zitiert nach Peter Longerich: Geschichte der SA. München 2003. S. 95.

[5] Hoyerswerdaer Nachrichten, Amtliches Kreisblatt, vom 3. Februar 1931, Nr. 15