II

 

ICH BIN EIN MONTAGSKIND. Der Zufall hatte mich zum Nicht-Glückskind gemacht. Das nahm ich, da war ich vielleicht elf oder zwölf Jahre alt, übel. Denn ich fand mich hässlich, mit den Millionen Sommersprossen im Gesicht, auf Armen und Fußrücken, der blassen Haut, mit dem störrischen Haar, das ich nie bändigen konnte. Ich war unsportlich. Ich kletterte nie auf Bäume oder über Mauern und Zäune. Ich hatte nie aufgeschlagene Knie Dazu kam: Wir wohnten in einem alten Haus ohne Bad und WC, weit ab vom Dorf. Wir fuhren nie in den Urlaub. Ich musste oft im Garten und im Haushalt helfen, und meine Mutter war immer wieder unzufrieden mit dem, was ich machte. Wäre ich ein Sonntagskind, träumte ich, dann wäre alles anders. Ich wäre so glücklich wie die Heldinnen in den Büchern, die ich nachts las. Ich hatte sie von einer Freundin geliehen. Es waren “West“-Bücher, die schickte die Oma aus Bremen. Die Titel der Romane? Ich habe sie vergessen. Die Geschichten wie die Titel waren austauschbar. In Erinnerung geblieben sind mir nur die Heidi-Bücher, aber die erzählten auch ein trauriges Schicksal.

 

Wenn ich schon kein Sonntagskind war, so war ich aber ein Wunschkind. Großmutter Sabine, die fünf Kinder großgezogen hatte, wünschte sich ein weiteres, ein viertes Enkelkind. Ende der vierziger Jahre, als sich mit der Währungsreform die wirtschaftliche Lage in den Westzonen zu stabilisieren schien, gab sie ihrer Tochter unumwunden zu verstehen: Sie habe die Dreißig überschritten, es wäre an der Zeit, endlich an Kinder zu denken. Auch seien nun die Zeiten besser geworden, soll sie gesagt haben, da sei es leichter, Kinder zu ernähren. Und sie versprach, die Familie materiell zu unterstützen. Dieses Versprechen hat sie gehalten.

 

Meine Mutter gab dem Wunsch ihrer Mutter nach. Was mein Vater wollte, das weiß ich nicht. Meine Mutter bestimmte allerdings, dass dieses Kind ein Herbstkind werden sollte. Es trieb sie die Angst um, sie könne ein Kind im Sommer nicht ernähren. Die Milch wurde damals ohne Kühlung übers Land gefahren und kam im Sommer oft schon sauer im Großkoschener Dorfkonsum an. Aber diese Ängste waren unbegründet. Meine Mutter stillte mich über den Sommer hinaus, und die Großmutter packte in Nürnberg für uns Pakete. Ich werde Morgen wieder ein Paket schicken, schrieb sie am 2. Februar 1951 an meine Mutter, Ich lege Apfelsinen für Irene bei. Das Fleisch ist von meiner Patin aus Freihaslach. Das im letzten Paket war von Schornweisach, in Prichsenstadt[1] war ich nicht, denn die Zeit war ja zu kurz. … . Auch lege ich Dir von Frau R … die beiden Büchlein bei, schreib ihr auch, sie hatte Dir schon auf Deine (unleserlich) ein Paket gepackt gehabt, konnte nur die Adresse nicht lesen. So kamen aus Nürnberg viele Pakete, darin ein Windeltopf, Lebertran mit Apfelgeschmack, Märchenbücher, Kaffee, eine Sparbüchse in Form des Dürerhauses.

 

Großmutter tat auch hier das, was sie immer getan hatte, sie organisierte den Alltag der Familie und regierte weiterhin in das Leben ihrer Kinder hinein. Sie hatte bestimmt, dass die beiden Söhne einen Beruf erlernen, den drei Töchtern hatte sie trotz Bitten und Betteln diesen Wunsch verwehrt. Sie schickte die blassen schmächtigen Mädchen mit 14 Jahren in Stellung. Geld für eine Lehre auszugeben, lohne sich nicht, so ihr Standpunkt. Die Mädels würden sowieso bald heiraten und könnten das in den fremden Haushalten Gelernte später gut gebrauchen. Die Söhne dagegen müssten später eine Familie ernähren. So schufteten die Töchter bei fremden Leuten für wenig Geld. Sie mussten bis zum Umfallen schuften und sich auch noch rumschubsen lassen. Meine Mutter landete einmal völlig unterernährt im Krankenhaus. Aber das half ihr nicht aus diesem Teufelskreis heraus. Großmutter schickte sie zum Aufpäppeln zu ihrer Schwester in ein unterfränkisches Dorf und danach zum Arbeiten zu einer Pfarrersfamilie nach Schornweisach. Nach drei Jahren kehrte meine Mutter nach Nürnberg zurück und wurde Näherin bei der Firma WIENHOLD & REICH. Dort fertigte sie  mit großem Geschick und viel Freude Papierdekorationen. Man vertraute ihr sogar die Fertigung der neuen Kollektion für die Leipziger Messe an. Großmutter akzeptierte das nicht. Sie war der Überzeugung, für ein anständiges Mädchen gehöre es sich nicht, in einer Fabrik zu arbeiten. Sie verlangte von ihrer noch nicht volljährigen Tochter, die Stelle aufzugeben, und schickte sie wieder „in Stellung“ zu  einem Nürnberger Schulleiter.

 

Der Onkel, Großmutters Lieblingskind, musste auf ihr Drängen 1935 Elisabeth P., die Tochter eines Grubenarbeiters aus der oberschlesischen Stadt Beuthen heiraten. Die junge Frau hatte eines Tages bei den Großeltern vor der Tür gestanden und erzählt, der ältere Sohn hätte ihr Wer-weiß-was versprochen - oder auch nicht. Jedenfalls hatte er sie entehrt, so meine Mutter. Das musste der Sohn – nach den Vorstellungen der Großmutter - eben auf diese Weise wiedergutmachen.

 

 

 

Auch für meine Mutter war am 27. November 1950 ein Wunsch in Erfüllung gegangen: Sie hatte ein Mädchen zur Welt gebracht, eine Irene. Sie war so glücklich, dass sie schon bald darüber die großen Schmerzen, die der Arzt und ich ihr bereitet hatten, vergessen hatte. Aber ich war nicht so anschmiegsam und so lieb, wie jenes Mädchen in Nürnberg es wahrscheinlich gewesen war. Ich war eigensinnig, vielleicht auch widerborstig, nicht immer leicht zu lenken, vorlaut. Ich erfüllte also ihre Erwartungen nicht, sie war enttäuscht von mir. So waren wir uns niemals wirklich nahe. Das machte unser Verhältnis schwierig. Woher das kam, erkannte ich erst, als ich die 50 überschritten hatte, und jetzt, wo ich darüber schreibe, fällt mir eine Geschichte ein. Es ist die früheste Erinnerung an meine Kindheit, hier begann der Bruch, der niemals zu heilen war, auch wenn ich manchmal doch nach ihrer Liebe, nach ihrem Verstehen gierte: Die Mutter schnitt Zwiebeln, ich saß daneben und sah, wie ihr Tränen übers Gesicht liefen, und fragte, warum sie denn weine. Ich weine nicht, gab sie mir zu Antwort, die Zwiebeln beißen. Nun hatte mich aber Molly, der Hund unserer Vermieterin, einmal gebissen, und das hatte sehr wehgetan. Diese Erfahrung wirkte nach, und ich aß keine Zwiebeln mehr, was meine Mutter sehr erzürnte. Zwiebeln seien gesund, zeterte sie und drohte mit Prügeln, wie sie es später auch oft tat. Meine Angst vor dem Biss der Zwiebeln war aber größer als die Angst vor Schlägen. Letztendlich schlug sie nicht zu, sondern sperrte sie mich in den Kellerverschlag. Ich durfte erst wieder heraus, als ich unter Tränen beteuerte, dass ich Zwiebeln essen würde. Am Ende saß ich oben in der Küche, stopfte die rohen Zwiebeln in meinen Mund und pries ihren Geschmack. Meine Mutter war zufrieden und lobte mich. Ich hatte mich ihr unterworfen. Aber sie hatte nicht begriffen, dass mit diesem Tag mein Urvertrauen in sie einen Knacks bekommen hatte. Von da an hatte ich Angst vor ihr. Ich versteckte einen zerbrochenen Teller im Aschekasten, wo er doch irgendwann gefunden wurde. Ich behauptete, den ersten Kaugummi meines Lebens, verschluckt zu haben. Diese unbekannte klebrige Masse war mir nicht geheuer, und ich hatte sie aus dem Fenster auf den darunter liegenden Friedhof gespuckt. Der Friedhof war ein besonderer Ort, und auf den durfte man nicht spucken, das wusste ich mit fünf Jahren schon. Beides passierte, als wir 1956 in Nürnberg waren. Ich, die Kleine mit den „goldenen“ Locken, das Wunschkind, zeigte mich dort bei allen Verwandten von einer meiner schlechten Seiten. Das nahm mir die Mutter, die immer und überall einen guten Eindruck hinterlassen wollte, übel.

 

 

 



[1] Orte in Mittel- bzw. Unterfranken, in denen Verwandte lebten, die u. a. Landwirtschaft betreiben und die meine Großeltern und ihre fünf Kinder immer wieder mit Naturalien unterstützt hatten.

 

DER TEXT WIRD IN DEN NÄCHSTEN TAGEN VERVOLLSTÄNDIGT.

ICH BITTE UM ETWAS GEDULD.

Danke!