LAUSITZ 2030

In der LAUSITZER RUNDSCHAU wird unter dem Titel "LAUSITZ 2030" darüber diskutiert, wie die Region in 15 Jahren aussehen könnte:

 

www.lr-online.de

 

Die Reihe begann mit Statements von Politikern, die voller Phrasen steckten, und oft konzentrierte sie sich auf die Frage, ob es für die Lausitz eine Zukunft mit oder ohne Kohle geben wird.  Ich bin davon überzeugt, dass die Braunkohlenindustrie keine Zukunft haben wird. Aber wo liegen dann die Alternativen für die Region? Diese Frage sollte in der Diskussion im Mittelpunkt stehen, und um die Diskussion in diese Richtung zu drehen, schrieb ich den folgenden Beitrag und schickte ihn der Redaktion der LAUSITZER RUNDSCHAU. Erst schien es so, als wenn die Zeitung daran kein Interesse hätte, weil ich kein   Multiplikator… aus Politik, Wirtschaft und Entscheidungsträger … von Verbänden und Vereinen sei , aber dann sollte der Text (gekürzt) am Montag, 22. Juni 2015, erscheinen, dann erst am Montag, 6. Juli 2015.

Nun, an diesem Tag musste über den Lausitzer Kirchentag berichtet werden ...

 

Bei der LAUSITZER RUNDSCHAU versteht man entweder nicht zu planen, oder ich bin ein "Opfer" interner Querelen geworden.

Indessen habe ich den Artikel zurückgezogen.


ABER damit war die Geschichte noch nicht zu Ende:

Die Kurzfassung erschien am Montag, 20. Juli 2015,

gedruckt und im Internet,

allerdings mit einigen Fehlern in meiner Kurzbiografie.

 

Hier aber die Langfassung:  

 

DIE LAUSITZ NACH DER KOHLE - EIN TRAUM

 

Denk ich darüber nach, wie die Lausitz im Jahr 2030 aussehen könnte, dann träume ich vom ersten Sonntag im Juli. Es ist der siebente Tag des Monats, und gerade an diesem Sonntag wird der letzte Tagebau in der Region, der Tagebau Reichwalde, stillgelegt. Im Dorf Atterwasch feiern die Tagebaugegner mit Gästen aus Hamburg, aus Bayern, aus Schweden, Polen und Tschechien dieses Ereignis mit einem rauschenden Fest. Unter die vielen Tausend aus nah und fern mischen sich auch einige ehemalige Bergleute aus der Region. Als der Chor der Bergarbeiter Brieske das Gundermann-Lied, „Immer wieder wächst das Gras/ wild und hoch und grün“ anstimmt, das zur Hymne der Anti-Tagebau-Aktivisten geworden ist, fallen alle mit ein. Mancher Bergmann wischt sich verschämt die Tränen aus dem Gesicht. Kein Politiker aus Potsdam oder Dresden oder gar aus Cottbus, aus Senftenberg oder Hoyerswerda ist zu sehen, auch kein Journalist. 

 

ES GIBT WIEDER ATTRAKTIVE ARBEITSPLÄTZE IN DER LAUSITZ

 

Sie alle treffen sich aber am Montagvormittag auf der Straße zwischen den Dörfern Großkoschen und Tätzschwitz, an der Landesgrenze von Brandenburg und Sachsen. Die Ministerpräsidentinnen beider Länder lachen in die Kameras von ZDF, ARD, RTL. RAI UNO, BBC, CCN und RUSSIA TODAY.  Die geladenen Gäste jubeln ihnen zu. Denn an diesem 8. Juli 2030 beginnt für die Lausitz ein neues Zeitalter, das Zeitalter der Dienstleistungsgesellschaft. Pünktlich um 10 Uhr eröffnen die Politikerinnen eine Justizvollzugsanstalt für 5000 Gefangene, die sich beiderseits der Landesgrenze erstreckt und von beiden Ländern genutzt wird. Das Besondere an der riesengroßen Anlage aber ist: Sie wurde nach modernen Erkenntnissen der Psychologie und Ökonomie gestaltet und ist so einmalig auf der Welt.

„Heute wissen wir, dass es sich gelohnt hat, durchzuhalten. Es gibt wieder attraktive Arbeitsplätze in der Lausitz. Ich freue mich, dass die Dienstleistungsbranche in der Region leistungsfähiger geworden ist. Damit haben wir es geschafft, dass es Familien aus Bayern, Schwaben und auch aus der Schweiz und Österreich zurück in die Lausitzer Heimat zieht“, würdigt die sächsische Ministerpräsidentin  diesen historischen Moment. Ihre Kollegin aus Brandenburg ergänzt: „Heute sind wir auf einem guten Weg. Arbeitslosigkeit und Abwanderung sind Fremdwörter für die Lausitzer geworden. Aber wir haben auf besondere Weise auch einen Beitrag zur europäischen Einigung geleistet.“

In der Pressemitteilung der Staatskanzleien beider Länder lesen die Journalisten, dass die neue JVA eine Kleinstadt besonderer Art sei. Denn das Leben dort wird von einer Häftlingsselbstverwaltung organisiert, in die jeder Häftling entsprechend seiner Kenntnisse und Erfahrungen eingebunden ist. Begleitet werden sie dabei von Psychologen, Ergotherapeuten und  Pädagogen, die ein entsprechendes Studium an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg abgeschlossen haben. Dieses Konzept habe international große Aufmerksamkeit gefunden. Die Nachbarländer, aber auch Italien, Großbritannien und sogar die USA hätten schon Interesse signalisiert, Gefangene aus ihren Ländern in dieser Anstalt unterzubringen. Denn auch sie versprächen sich auf diese Weise  bessere Erfolge in der Resozialisierung und so eine spürbare Entlastung ihres Staatshaushaltes. Außerdem rechnen die Justizministerien von Sachsen und Brandenburg damit, das Konzept in alle Erdteile verkaufen zu können. In der Pressemitteilung findet sich kein Wort darüber, was die beiden Regierungen dazu veranlasst hatte, diese neuen Wege - gegen große Widerstände aus der Bevölkerung - zu gehen.

 

 NACHSANIERUNG DES LAUSITZER SEENLANDES GESTOPPT

 

2025 hatte die Bundesregierung angekündigt, die Nachsanierung des Lausitzer Seenlandes nicht länger aus dem Bundeshaushalt zu finanzieren. Sie könne es nicht mehr verantworten, so der Finanzminister, Jahr für Jahr Billionen Euro in diese kleine Randzone Deutschlands zu stecken, wo Erde und Wasser in ständiger Bewegung seien und immer wieder neue Überraschungen brächten. In jenem Jahr sah ein  sächsischer Unterstaatssekretär seine Zeit für gekommen und zog einen alten Plan seines Vorgängers aus der Schublade. Darin war überzeugend dargelegt worden, dass die endlose Sanierung der Bergbaufolgelandschaft sehr viel effektiver mit Strafgefangenen durchgeführt werden könnte. Außerdem wurde allen Politikern in den beiden Ländern jener Zeit auch klar, dass ihre Idee, die Region zu einem Standort neuer Energietechnologien zu machen, gescheitert war. Ein finanzkräftiger Weltkonzern aus Bayern hatte schon 2024 in Wunsiedel und in Deggendorf die ersten Speicherwerke auf Wasserstoffbasis eröffnet. In Fachkreisen munkelte man, die Chinesen würden sogar spätestens 2030 mit einer bahnbrechenden Erfindung in Sachen CO2 –Verarbeitung den Energiemarkt revolutionieren. So gaben die beiden Länderregierungen nicht nur ihre Idee auf, mit neuen Tagebauen und neuen Kraftwerken an alten Wirtschaftsförderungsplänen festzuhalten, sondern riefen den Dienstleistungsstandort Lausitz aus. Erst protestierten die Menschen in Cottbus, Guben, in Senftenberg und Hoyerswerda Montag für Montag dagegen, aber als immer mehr beim Aufbau der Infrastruktur um Großkoschen und Tätzschwitz Arbeit fanden, fügten sie sich in ihr Schicksal, neben dem größten „Knast“ Europas leben zu müssen.  Im Jahr 2030 verdienen schon 20 000 Männer und Frauen ihren Lebensunterhalt  im Umfeld der JVA, und es macht sie stolz, dass ihre Arbeit auch im Ausland Anerkennung findet.

 

NEUES AUSHÄNGSCHILD DES SEENLANDES

 

Aber mein Traum wird auch zum Albtraum: An jenem Montag, dem 8. Juli 2030, werden im Schatten der JVA-Eröffnung  - ohne öffentliche Aufmerksamkeit - die Erholungsgebiete Senftenberger und Geierswalder See geschlossen. Das Wasser beider Seen enthält so viel Eisenoxid, dass niemand mehr darin baden will. Aushängeschild des Lausitzer Seenlandes sind nun der Großräschener See und der Ostsee bei Cottbus. Der Senftenberger und der Geierswalder See werden zum Naturschutzgebiet erklärt. Hin und wieder hört man Gerüchte, dass im Potsdamer Umweltministerium ein Antrag an die UNESCO von Computer zu Computer weitergeleitet wird, in dem man um Anerkennung als Weltnaturerbe für diese einzigartige tote Landschaft nachsuchen will. Entsprechende Anfragen von Journalisten zu dem Thema werden vom Ministerium immer wieder ins Reich der  Fantasie verbannt.