AUS DEM GLEICHGEWICHT  

 

Auch das gehört zu meinen Erinnerungen an meine Kindheit im Senftenberger Braunkohlerevier: Im Sommer war es uns oft verboten, den Gemüsegarten per Wasserschlauch vorm Verdorren zu bewahren. Dann musste auch ich Abend für Abend mit der schweren Gießkanne in der Hand Tomaten, Gurken, Bohnen, Möhren gießen. Wasser war in der Region knapp. Es fiel nur selten was vom Himmel, und der Grundwasserspiegel war auf mehr als zehn Meter gesunken. 

Mit dem Braunkohletagebau verschwanden nicht nur Dörfer, Felder und Wälder um uns herum, es wurden nicht nur Flüsse verlegt, sondern musste auch der Grundwasserspiegel abgesenkt werden. Nur so konnte Braunkohle gefördert werden. Die Folge: In wenigen Jahrzehnten war aus der Wasser-reichen Elsterniederung mit ihren vielen Bächen und Flussläufen, Seen, Teichen und Sümpfen eine neue Landschaft entstanden. Sie war geprägt von riesigen tiefen „Gruben“, kleinen „Restlöchern“ und Landstrichen, auf denen Kiefern, Birken und Robinien Halt im sandigen Untergrund suchten. 

 

Das triste Bild begann sich erst zu wandeln, als 1973 aus dem Tagebau Niemtsch der Senftenberger See geworden war. Wir freuten uns über diese Oase inmitten Staub-spukender Schornsteine, und wir waren stolz auf dieses Menschenwerk. Es nährte die Hoffnung, aus unserer Heimat könnten wir etwas Neues machen, das schöner war als alles vorher, etwas, auf das „die“ Welt schauen würde: Ein Lausitzer Seenland, das von Guben im Norden bis nach Görlitz im Süden, von der Neiße im Osten bis nach Lauchhammer im Westen reichen würde. Mit 30 Seen und einigen Kanälen sollte es die größte künstliche Seenlandschaft Europas werden. Wir freuten uns darauf, bald mitten in einem Ferienparadies zu leben, und luden Freunde und Verwandte ein, diesen Wandel mitzuerleben. In unserem Stolz und unserer Begeisterung ahnten wir nicht, welche Probleme dieses großartige Experiment, zumal in einer der niederschlagsärmsten Regionen Deutschlands, mit sich bringen würde. 

 

Wer künstliche Seen anlegen will, in denen man schwimmen, segeln oder angeln kann, der braucht vor allem eins: Wasser, pH-neutrales Wasser. Das Grundwasser, das sich in den stillgelegten Tagebauen langsam sammelt, ist sauer (Der pH-Wert liegt meist zwischen 2,4 und 6.). Es muss mit Wasser verdünnt (und/oder mit Kalk neutralisiert) werden. Für den Senftenberger See kam es aus der Schwarzen Elster. Es machte (und macht ihn noch immer) zu einem Gewässer erster Güte. Aber es wird auch gebraucht, um die Verdunstungen auszugleichen, den Wasserstand zu halten und so die künstliche Insel inmitten des Sees zu stabilisieren. 

 

Im heißen und trockenen Sommer 2020 fiel die Schwarze Elster für lange Zeit auf mehreren Kilometern trocken. Die Spree, mit der der Cottbuser Ostsee geflutet werden soll, führte Niedrigwasser. Sie konnte aber nur fließen, weil sie mit „Sümpfungswasser“ (Es fällt bei der Trockenhaltung der Braunkohletagebaue an.) aufgefüllt wurde. Das Wasser reichte gerade noch für den Spreewald. Die Flutung des Ostsees musste für mehrere Monate gestoppt werden. 

Das sind deutliche Signale. Der Lausitz fehlt das, was sie für das Seenland dringend braucht: Wasser. Der natürliche Wasserhaushalt ist aus dem Gleichgewicht. Das Zusammenspiel zwischen Zufluss, Niederschlag und Verdunstung ist gestört. Mehr als einhundert Jahre Bergbau haben dazu beigetragen, aber nun hat es in der Lausitz schon fast ein Jahrzehnt zu wenig geregnet hat. Zugespitzt hat sich der Wassermangel in den Sommern der letzten drei Jahre; sie waren heiß und trocken. Nach Berechnungen fehlen in der Region 600 Millionen Kubikmeter Grundwasser, in den Tagebauseen sind es 300 Millionen Kubikmeter.    

 

Viele in der Lausitz hoffen, den drei trockenen Jahren würden drei nasse folgen, und so könne sich das Problem von allein lösen. Es geistert aber auch immer wieder die Idee durch die Region, nach Schwarzer Elster, Spree und Neiße für die Seen die Elbe „anzuzapfen“. Aber nur wenn der Fluss Hochwasser führe, schieben die Verfechter dieser Idee nach, wenn sie darauf hingewiesen werden, dass der Fluss im Sommer manchmal auch nicht mehr als ein „Rinnsal“ sei. (Zur Erinnerung, das letzte Elbehochwasser gab es 2013!). Und warum sollte gerade dieser große Fluss sein Wasser hergeben, damit es dann unter der Lausitzer Sonne verdunste? 

 

Setzt die Natur der Idee vom großen Wasserparadies eine natürliche Grenze? Was wird aus dem Traum von einer neuen Landschaft, wenn die Lausitz weiter austrocknet? 

 

Ich gab diese Fragen an die Pressesprecher der LMBV (Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft) und der Stadt Cottbus, Uwe Steinhuber und Jan Gloßmann, weiter. Der eine sieht keine „Wassernot“ und bewertet solche Diskussionen als Versuch, „vor allem den aktiven Braunkohlebergbau … noch früher zu beenden“.  Man arbeite, betonte Steinhuber, in der Lausitz mit großem Sachverstand daran, die Folgen des Bergbaus zu überwinden. Jan Gloßmann schrieb mir, dass es keine Alternativen zum Cottbuser Ostsee gäbe. Das Restloch sei so angelegt, dass es sich auf jeden Fall mit Grundwasser füllen würde. Für die Stadt Cottbus wäre dieser See eine Chance für eine nachhaltige Stadtentwicklung. 

 

Der Traum vom großen Lausitzer Seenland ist eine großartige Idee. Aber sie wurde in einer Zeit geboren, in der wir glaubten, wir könnten die Natur nach unserem Bilde formen, ihr alles abringen, was wir uns wünschten. 

Ich weiß, es ist schwer, einen Traum aufzugeben, für dessen Verwirklichung viele Menschen schon mehr als fünf Jahrzehnte arbeiten, für den viel Geld ausgegeben wurde. Ein Traum, der der Region nach dem Bergbau die Alternative eröffnete, ein einzigartiges Touristenparadies zu schaffen, auf das die Welt nicht nur schaut, sondern in das auch Menschen strömen, um zu baden, zu segeln, zu angeln oder Rad zu fahren. Wie das funktioniert, das haben sie am Senftenberger See vor Augen, der zu DEM „Familienbadesee“ im Lausitzer Seenland, zu seinem Aushängeschild, geworden ist. 

 

Schade um diese Idee, möchte ich ausrufen, wenn ich mir Bilder vom See, dem Koschenkanal, über den man mit dem Boot bis in den Geierswalder See kommt, in Erinnerung rufe. Aber ich frage mich dann auch, ob wir es in Anbetracht der Wassernot, die es auch in anderen Teilen Deutschlands gibt, noch verantworten können, eine mehrfach durch den Braunkohlebergbau geschundene Landschaft „heilen“ zu wollen, indem wir wieder und wieder in die Natur eingreifen, zumal sie sich in einem halben Jahrhundert verändert hat. Hätte sie es nicht verdient, dass wir sie nicht weiter beherrschen wollen, sondern dass wir ihr mit etwas mehr Demut gegenübertreten würden? Wir sollten uns nicht mit einem Weiter-so begnügen, uns nicht im Glauben an eine Alternativlosigkeit verrennen, sondern doch den Mut aufbringen, unser eigenes Tun, unsere Pläne, Ideen kritisch zu betrachten, unsere Fantasie spielen zu lassen, etwas auch einmal anders als gewohnt zu denken. 

 

In den ersten drei Monaten des Jahres, so die LMBV, ging es mit der Flutung von einigen Tagebauseen „gut voran“. Mehr als 50 Millionen Kubikmeter „Überschusswasser“ wurden aus Spree, Schwarzer Elster und Neiße u. a. in den Geierswalder, den Partwitzer und den Sedlitzer See geleitet. Mehr als doppelt so viel wie im ersten Quartal 2020. Im Januar hatte es in der Region sehr viel geregnet; für März verzeichnete der Deutsche Wetterdienst allerdings wieder ein Niederschlagsdefizit.