III DREI REISEN NACH AFRIKA

 

Die erste Reise, von der hier die Rede sein soll, war eine Touristenreise, die der Veranstalter unter der Überschrift „smart & smail Namibia– Afrika-Feeling“ angeboten hatte. Sie führte meinen Mann und mich im November 2017 mit einem Bus 3150 Kilometer durch dieses südwestafrikanische Land. Die andere hatte der US-amerikanische Journalist Paul Theroux 2013 gemacht. Er war allerdings mit öffentlichen Verkehrsmitteln in mehreren Ländern im Süden des Kontinentes unterwegs und hatte darüber ein Buch geschrieben. Der Titel EIN LETZTES MAL IN AFRIKA. Die dritte Reise, die in diesem Text eine Rolle spielen wird, begann im Juli 1908. Der Mediziner Walther Falke, 33 Jahre alt, hatte als Schiffsarzt auf dem „Reichspostdampfer HERZOG“ angeheuert und reiste bis September um den Schwarzen Kontinent. Was er auf See erlebte und was er in der frühen kolonialen Phase in Afrika sah, hielt er in einem Tagebuch und mit der Kamera fest. Das Tagebuch und zahlreiche Fotos wurden zum ersten Mal mehr als einhundert Jahre später von seiner Enkelin Rosemarie Leineweber in dem Buch ALS SCHIFFARZT 1908 RUND UM AFRIKA veröffentlicht.  

 

Wir hatten die Reise nach Namibia gebucht, um einmal diesen anderen Kontinent, Afrika, zu betreten, fremde Landschaften kennen zu lernen, zu sehen, wie die Menschen dort lebten, und auch um einem bitteren Kapitel deutscher Kolonialgeschichte nachzuspüren. Mein Mann hatte Uwe Timms Roman über den Krieg des deutschen Kaiserreiches gegen die Nama und Hereos, MORENGA, gelesen, ich eben jenen Reisebericht von Paul Theroux. Der Autor war mit Schwarzen in Bussen und Zügen über Land gereist, er hatte ihren Alltag miterlebt. Wir dagegen begegneten in den zwei Wochen vor allem dem weißen Afrika. Unser Reiseleiter war ein weißer Farmer mit deutschen Wurzeln. Wir wohnten in Hotels, die Weißen gehörten, und wurden dort herzlich von schwarzen Frauen und Männern empfangen. Wir aßen in Gaststätten, in denen meist nur Weiße saßen; wir wurden aber von Schwarzen bedient. Paulus, unser Busfahrer, war ein Schwarzer vom Stamm der Damara. In Windhoek wohnten wir in einem kleinen Hotel hinter hohen Stacheldraht-bewehrten Mauern und bewacht von schwarzen Sicherheitsleuten. Bei unserer Fahrt durch die Stadt fiel mir auf, dass an den Bushaltestellen endlose Schlangen schwarzer Männer und Frauen warteten. Weit und breit war kein Weißer zu sehen. Wir lernten die faszinierende Natur des Landes kennen, wir wurden mit dem Bus in Windhoek am Schwarzen-Viertel Katutura vorbeigefahren. Die reichhaltige Volkskunst lernten wir auf einem Markt am Rande der Stadt Okahandja kennen. Sie wurde uns dort in windschiefen Hütten aus Holz, Stoff und Planen von Schwarzen angeboten. Die Verkäufer versuchten uns ihre Waren aufzudrängeln, überboten sich mit Preisnachlässen, nur um etwas zu verkaufen. Aber niemand in unserer Reisegruppe forderte, mehr über die Schwarze Geschichte des Landes zu erfahren, mehr vom Leben der Afrikaner zu sehen oder auch nur zu hören. Wir waren als stille Beobachter, vor allem von Tieren, im Land unterwegs. 

 

Die meisten Menschen, so schreibt es Paul Theroux in EIN LETZTES MAL IN AFRIKA, kämen auf den Kontinent, um das zu tun. Aber es gäbe auch andere– „die neue Truppe – die tugendhafte Truppe“.  Siebesuchen Afrika, weil sie den Afrikanern sagen wollen, wie sie ihr Leben verbessern können. Und viele Menschen machen beides – sie beobachten frühmorgens Tiere und mischen sich nachmittags überall ein. … In Afrika trifft man kaum einen Besucher, der keine Meinung dazu hat, wie der Kontinent gerettet werden könnte. … Das arme Afrika bildet eine Bühne, auf der so viele Außenstehende ihr Leben inszenieren, ihr Theorien testen oder sich selbst neu erfinden. Und da sind noch Zehntausende weitere wohlmeinende Organisationen und großzügige Spender, die sich ebenfalls im Entwicklungshilfegeschäft engagieren.An anderer Stelle fragt er:Bewirkt diese improvisierte Wohltätigkeit irgendetwas Gutes

Er ist mit seinen Zweifeln nicht allein, viele Menschen äußern Misstrauen gegenüber der Entwicklungshilfe, und das nicht nur, weil sie darin vor allem ein Geschäft sehen, an dem verdient wird. Hier nur einige Stimmen:

 

Ich habe … vor einer Weile für die Hungersnot in Afrika gespendet,und weiß zugleich, dass ein gutes Gewissen an der Stelle überhaupt nicht gerechtfertigt wäre, denn die wesentlichen Probleme bleiben damit ungelöst. Die Spende ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn überhaupt. 

Veronika Hoffmann, Professorin für katholische

Theologie an der Universität Siegen,

im Dezember 2017 in einem Interview.

 

Der Diskurs über Entwicklungspolitik prägt unser Bild von Afrika. Und unser Bild von Afrika prägt unsere Entwicklungspolitik. Sind wir uns sicher, dass unsere Initiativen, ob von Staat oder Zivilgesellschaft, an den Bedürfnissen Afrikas ausgerichtet sind, und nicht in erster Linie an unseren eigenen?

Horst Köhler, Bundespräsident a. D.,

auf einer Konferenz

 

Die von den USA. Europa, Australien, Japan und ihren Verbündeten dominierte Entwicklungshilfe-Industrie dient den Interessen der Geberländer. Diese Interessen reichen von einem Zugang zu den Märkten oder der Angst vor politisch, ökonomisch oder durch den Klimawandel bedingten afrikanischen Migrationsströmen, über umfassende Sicherheitsbedenken einschließlich Terrorismus und Krankheiten und dem Bestreben, sich Zugang zu den riesigen natürlichen Ressourcen des Kontinents zu verschaffen und sie zu kontrollieren, bis hin zu den geopolitischen Machtspielen. 

Der kenianische Ökonom James Shikwati

 

Steht die Entwicklungshilfe, wie sie über Jahrzehnte von den kapitalistischen Ländern des Nordens[1]in Afrika, Süd- und Mittelamerika oder Asien geleistet wurde, noch immer in der alten Tradition der kolonialen Politik? Gehört das Spenden auch in dieses System? Ist das Teilen, das Abgeben von unserem Reichtum, nur ein Mittel, alte Strukturen der Ausbeutung, der Abhängigkeit zu befestigen und damit auch nur den eigenen Lebensstandard zu sichern? Was bestimmt die internationale Politik, was bestimmt die Entwicklungszusammenarbeit, was bestimmt unser Verhältnis zu den Völkern des Südens, zu den Völkern Afrikas? 

Antworten auf diese Fragen finden wir nur, davon bin ich überzeugt, wenn wir einen Blick die lange gemeinsame Geschichte des Südens und des Nordens werfen und einige Missverhältnisse und vielleicht auch Missverständnisse beleuchten. 

 

Angeregt hatte mich zu dieser Betrachtungsweise mein Mann mit einer Erinnerung an den Konfirmandenunterricht Ende der 50-er Jahre. Im Pfarrhaus in einem kleinen Dorf in Mittelfranken, genauer im Gemeindesaal, stand eine Sammelbüchse. Sie war aus Holz oder Blech oder Pappmaché. Darauf thronte eine Figur, ein Schwarzer. Wenn die Kinder in die Büchse ein Geldstück warfen, nickte dieser mit dem Kopf. (Im Volksmund wurde er daher auch „Nick-Neger“ genannt.) Es kam selten vor, dass jemand etwas einwarf; Taschengeld bekamen nicht jede/jeder; und doch übte diese Spendendose auf die Kinder und Jugendlichen einen Reiz aus. Dieser „Neger“ zeigte bei jeder Spende seine Ergebenheit, er „sagte“ mit dem stummen Nicken eben „Danke“.

Ich stutzte. Wie konnte so eine Spendendose, mit der bei Kindern und Erwachsenen niedere Instinkte angesprochen wurden, noch mitten im 20. Jahrhundert in einem mittelfränkischen Pfarrhaus stehen? Welches Bild von Afrika hatten die Kirchen, welches Afrika-Bild vermittelten sie den Gemeindemitgliedern im Westen Deutschlands, und das noch in den Jahren, als die Befreiungsbewegung auf dem Kontinent erste Erfolge feiern konnte? 

 

Die gemeinsame Geschichte Afrikas und Europas begann in der Antike. Sie setzte sich im Mittelalter mit der Eroberung der iberischen Halbinsel durch die Mauren fort. Das Besondere daran, die betroffenen europäischen Regionen wurden durch die fremden Kulturen geprägt. Mitte des 15. Jahrhunderts, noch vor der Entdeckung „Amerikas“ durch Kolumbus und seine drei Mannschaften, begann ein neues Kapitel. Europäer brachen mit Schiffen auf, neue Gebiete Afrikas zu erkunden. Schon in jener Zeit, davon ist der Historiker Francois-Xavier Fauvelle überzeugt, ließen sich die Entdecker und Eroberer - bis auf wenige Ausnahmen, auf die ich noch zurückkommen werde - von Vorurteilen und auch von Überheblichkeit gegenüber den Menschen dort und gegenüber ihrer Kultur leiten. Die Fremden waren „Wilde“, „Heiden“ oder gar „Menschfresser“. Das Überlegenheitsgefühl zog Desinteresse an afrikanischer Geschichte und Kultur in Europa nach sich. Es führte zu Unwissenheit, zu Hochmut und Arroganz und einem Machtanspruch gegenüber den Menschen dort und in deren Folge zu ihrer Deklassierung als minderwertig. Aus dieser angenommenen Überlegenheit leiteten die Herrschenden ab, sie gebe ihnen auch das Recht, Afrikander zu „Sachen“, zu einer Handelsware zu machen, mit der man beliebig verfahren konnte. Diese Haltung war die Grundlage für den Sklavenhandel, den die europäischen Monarchien Portugal, die Niederlande, Großbritannien, Frankreich, Dänemark, Schweden und auch Brandenburg-Preußen über den Atlantik betrieben. Sie ließen Schiffe, beladen mit Waffen, Pferden, Alkohol, Perlen u.a., an die westafrikanische Küste fahren, wo sie das alles bei Stammesfürsten gegen Sklaven tauschten. Sie ließen die Menschen in den ersten Jahren zu den weitgehend entvölkerten karibischen Inseln transportieren. Dort arbeiteten sie auf den Plantagen und in Bergwerken und sorgten dafür, dass Europäer mit Zucker, Tabak, Tee, Kaffee, Gewürzen und Edelmetallen versorgt werden konnten. 

Mit den Produkten ihrer Arbeit bereicherten die Sklavinnen und Sklaven das Leben der Eliten in Europa: Im Biedermeier-Kapitalismus, so der Historiker Michael Zeuske, wurden all diese Produkte und ihre Mythen in kleinen Palästen, den Kaffeehäusern, zusammengeführt und galten als Konsum- und Lebensideal. ... Der Kaffee wurde zum bürgerlichen, das tätige Leben unterstützenden Getränk schlechthin. Die Geistes- und Kunstelite Europas der Romantik saß in Kaffeehäusern oder Konditoreien und träumte sich zurück in ein provinzielles Mittelalter („gothic“). Dabei trank sie Kaffee mit Zucker und rauchte Tabak – beides und viele andere sehr gesuchte Drogen waren im globalen Maßstab von Sklaven und Sklavinnen produziert worden. Der Rohstoff für ihre längst den Moden unterworfene Kleidung, die Baumwolle, wurde ebenfalls von Versklavten produziert.

 

Von den Inseln der Karibik breitete sich die Sklaverei bis in den Süden Nordamerikas aus. Dort wurde sie, so formulierte es Karl Marx 1846/47 in DAS ELEND DER PHILOSOPHIE, zum Angelpunkt der bürgerlichen Industrie, ebenso wie die Maschinen etc. Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Nur die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben; die Kolonien haben den Welthandel geschaffen; und der Welthandel ist die Bedingung der Großindustrie. So ist die Sklaverei eine ökonomische Kategorie von der höchsten Wichtigkeit. 

Die Sklaverei dauerte auf dem amerikanischen Kontinent mehr als 300 Jahre. Aber auch nach ihrer Abschaffung zum Ende des 19. Jahrhunderts betrachteten Europäer die „Naturvölker“ noch mit Distanz. Sie waren eben anders. 

 

Ein Beispiel dafür liefert auch das jüngst erschienene Tagebuch des Schiffsarztes Walther Falke, der 1908 mit dem Reichspostdampfer HERZOG Afrika umfuhr. Am 20. August schwärmte er nach einem Ausflug auf die Insel Sansibar:

 

Viele Suahelifrauen begegneten uns, schöne Gestalten mit stolzem Gange. In den Ohren bunte, zusammengerollte Papierstreifen eingeklemmt. Haut glänzend und prick, schade, dass sie alle schwarz waren. 

 

Falke war nicht frei von rassistischen Vorurteilen, aber er war auch ein genauer Beobachter des Lebens der Schwarzen in den Kolonien und registrierte, welchen Einfluss die Kolonialmächte auf ihren Alltag und die Infrastruktur hatten.

Am 6. August 1908 notierte er nach einem Besuch in der Stadt Durban (Britische Kapkolonie): 

 

 

Die Bevölkerung besteht außer Weißen aus den Zulukaffern und Indern. Erstere alles stattliche und kräftige Leute, die als Schauerleute und schwere Arbeiter tätig sind, sie sollen 2 – 3 Shilling pro Tag verdienen. Der weiße Arbeiter ca. 16 Shilling. Beim Kohlen trugen sie die besten Kostüme, zuweilen nur einen Sack, in den für Kopf und Arme Löcher hineingeschnitten waren, sonst hatten sie alte zerrissene Jacken an. Bei der Arbeit singen sie in einförmiger Weise, sind immer guter Dinge, sie sind eben genügsam.

 

Am 12. August legte das Schiff in der Hafenstadt Laurenco Marques (Mozambique) an. Nach dem Landgang schrieb er:

 

Laurenco Marques macht im Allgemeinen nicht einen so freundlichen Eindruck wie Durban. Die Straßen sind breit angelegt. Elektrische. Aber kaum Verkehr, in der Mittagszeit liegen die Straßen verlassen da, vielleicht auch wegen der großen Hitze. Wenig Weiße, sehr viele Goanese, ein faules Pack. … Die Neger sind kleiner wie in Durban, wahrscheinlich infolge des 

Alkoholgenusses. Die Kerle saufen ganz erheblich. Wein soll die Haupteinfuhr von Portugal sein. In Natal, Kapkolonie, wird kein Alkohol an Schwarze verkauft. Die Portugiesen sollen eine derartige Verfügung nicht wagen dürfen, da sie sonst diese, ihre wertvollste Kolonie, nicht halten könnten.

 

Wer nicht das Glück und das Geld hatte, reisen zu können, für den holte man um 1900 die fremde „Welt“ nach Deutschland. In den großen Städten organisierte man, zum Beispiel in den Zoologischen Gärten in Hamburg oder Leipzig, Völkerschauen, bei denen auch Menschen aus den Kolonien ausgestellt wurden. 

 

In Leipzig wurde im Sommer 1897 eine solche Völkerschau mit 47 Männern und Frauen vom Stamm der Wadoe in die THÜRINGISCH-SÄCHSISCHE-GEWERBEAUSSTELLUNG integriert. In der Ausstellungszeitung warb man dafür auf besonders perfide Weise:

 

„… Wadoe, ein Volksstamm der sich durch Schönheit auszeichnet und besonders dadurch interessant ist, dass von ihm das Gerücht geht, dass bei besonderen Festlichkeiten dort Menschen verspeist wurden, und dass auch drei Matrosen von Sr. Majestät Schiff ´Leipzig`, die sich im Jahre 1888 zur Zeit des Buschiri-Aufstands vom Schiff entfernten, von ihnen verspeist sein sollen.

 

Diese Geschichte scheint funktioniert zu haben. Denn 635 Tausend Menschen strömten in die Ausstellung und schauten – mit Abstand! - zu, wie die Afrikaner aßen, tanzten schliefen, wie sie in dem fremden Land – vor aller Augen - lebten. In der Ausstellungszeitung vom 21. April bescheinigte man den Fremden dann auch noch, dass sie immer sehr freundlichgewesen seien und niemals die geringste „Zudringlichkeit“gezeigt hätten.

Die Ausstellungsbesucher dort in Leipzig taten etwas, das sie für sich niemals geduldet hätten. Sie beglotzten fremde Menschen wie die Tiere im Zoo. Das erzeugte einen gewissen Nervenkitzel, ein bisschen Aufregung und vielleicht auch etwas Genugtuung. Die Leute vom Stamm der Wadoe waren anders als sie. Wir wissen nicht, ob manche/mancher sich dabei überlegen fühlte, innerlich vielleicht über die „Wilden“ lachte oder ob die Fremden auch Angst machten. 

 

Fremdes kann Distanz hervorrufen, kann Angst auslösen, auch Überlegenheitsgefühle erzeugen und kulturellen Dünkel, muss es aber nicht. Aber dazu später mehr.

Diese Ausstellungen reihen sich in die jahrhundertealte Tradition ein, „Ungewöhnliches“, „Fremdes“ auf Jahrmärkten zu zeigen. Man stellte dort nicht nur wilde Tiere, wie zum Beispiel Bären, aus, die dann auch noch tanzen mussten, sondern auch Menschen mit Behinderungen. Die konnten bestaunt, verspottet oder auch bemitleidet werden. Solche „Schauen“ fanden große Resonanz, sie waren ein einträgliches Geschäft, sie unterhielten das „Volk“, hielten es bei „Laune“. Und die „modernen“ Völkerschauen waren mit all diesen Effekten auch Teil staatlich gelenkter Politik. Sie stärkten den Nationalstolz, der leicht in Nationalismus und in Überheblichkeit umgelenkt werden konnte. Wie das praktiziert wurde, das zeigt ein Text aus einem preußischen Schulbuch, das nach 1900[2]erschienen sein muss. Ich fand es im Nachlass meines Vaters. 

 

… das in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts nach langen Zeiten der Schwäche bei uns mächtig erwachende nationale Selbstbewusstsein, der STOLZ AUF UNSERE DEUTSCHE ART UND UNSRE HOCHENTWICKELTE KULTUR, brach nach und nach der Anschauung Bahn, dass es eine hohe Aufgabe für uns sei, der Welt den Stempel deutschen Wesens mehr und mehr aufzuprägen und aufsässige(…) Eingeborenenstämme niederzuwerfen.

Die Überschrift dieses Textes: AUFGABE UND BEDEUTUNG DER DEUTSCHEN SCHUTZGEBIETE.

 

Diese Überheblichkeit und dieses Sendungsbewusstsein paarten sich hier mit der Erwartung, die „Eingeborenen“ würden ganz selbstverständlich Platz machen für die Eroberer, sie würden das Land, das sie über Jahrhunderte bearbeitet oder für die Weidewirtschaft genutzt hatten, gegen Alkohol, Pferde u. a. tauschen und als Landlose dann für die Weißen arbeiten. Auf Farmen, in Bergwerken, im Haushalt. Als sich im „Schutzgebiet“ DEUTSCH-SÜDWEST die Hereros und die Witbois, die ihre frühere Unabhängigkeit und Freiheit nichtvergessenkonnten, dagegen wehrten, führte die junge Kolonialmacht Deutschland von 1904 bis 1908 einen grausamen Krieg. 

Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete August Bebel geißelte im Parlament in mehreren Reden diesen Krieg. Er sprach den Aufständischen das Recht zu, ihre Lebensgrundlagen zu verteidigen. Die Völker in den „Schutzgebieten“ würden sich gegen die Art, wie kolonisiert wird, wehrenIhr Kampf sei die Folge der Behandlung, welche die sogenannten Kulturnationen den unkultivierten Völkerschaften zuteil werden lassen.Aber auch der Sozialdemokrat, der kritisierte, dass der „Kulturtransfaire“ von Europa nach Afrika vor allem über die Bibel und den Schnaps erfolge, lehnte die Kolonialisierung Afrikas nicht ab, sondern forderte vor dem Reichstag NUR eine menschenfreundliche Kolonialpolitik. Er weiß, dass auch die deutsche Bourgeoisie über die ganze Erdkugeljagt auf der Suche nach stets ausgedehnterem Absatz für ihre Produkte, dasssie sich überall einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen muss, bei Strafe ihres Untergangs. Die Eroberung fremder Territorien ist ein historischer Prozess, der nicht aufzuhalten ist. Wo wären auch die Kräfte, ihn sofort zu stoppen? Die Arbeiterbewegung konnte erst einmal nur versuchen ihn politisch mitzugestalten, die Kolonisationsgewalt zu mildern. Diese Haltung wird einerseits von dem Glauben an den Fortschritt, an die Zivilisation, an die europäische Kultur getragen, andererseits auch von der Überzeugung, dass die Bourgeoisiewie Marx und Engels im MANIFEST DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI geschrieben hatten, durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischen Nationen in die Zivilisation reißen würdeAber die Segnungen der kolonialen Zivilisation, so beobachtete es der Schiffsarzt Walther Falke in zwei Kolonien, änderten nichts daran, dass die Einheimischen, die diese Zivilisation mitgestalteten mussten, ein elendes Leben führten. 

Was war darüber im Jahre 1905 im deutschen Kaiserreich bekannt? 

August Bebel beklagte in seiner Rede im Januar 1905, wie schwierig es sei, gesicherte Informationen über den Krieg und das Leben in DEUTSCH-SÜDWEST zu bekommen. Aber dann fällt er ein weiteres Urteil über die Hereros: Sie seien nicht nur unkultiviert, sie stünden auch sittlich tief.

Hieß das in der Konsequenz nicht, ein Volk, das sittlich tief stehe, könnte, oder müsste sogar, nach oben geholt oder gar gezogen werden? Man müsste ihm helfen? Mit Geld? Durch Bildung? Durch Kultur? 

Welche Folgen die europäische Zivilisation ein halbes Jahrhundert später für die Völker Afrikas, der Karibik und anderswo hatte, beklagte der afrokaribische Dichter Aimé Césaire 1950 in seiner Schrift ÜBER DEN KOLONIALISMUS:

Im Verhältnis zwischen Kolonisator und Kolonisiertem ist nur Platz für die Fronarbeit, die Einschüchterung, den Zwang, die Polizei, die Steuer, den Diebstahl, die Vergewaltigung, die Zwangsanpflanzung, die Verachtung, das Misstrauen, die Anmaßung, den Dünkel, die Gemeinheit, für enthirnte Eliten und erniedrigte Massen.

Kein menschlicher Kontakt, sondern Beziehungen von Herrschaft und Unterwerfung, die den Kolonisierenden zu einem Aufseher, einem Feldwebel, einen Gefängniswärter, einem Wachhund machen und den Eingebornen zu einem Produktionsmittel. ... 

Ich höre den Proteststurm. Man redet mir von Fortschritten, von „Errungenschaften“, von geheilten Krankheiten, von gestiegenem Lebensstandard.

Ich aber rede von um ihre Identität gebrachte Gesellschaften, von niedergetrampelten Kulturen, von ausgehölten Institutionen, von konfiziertem Land, von ausgelöschten Religionen, von vernichtetem künstlerischen Glanz, von vereitelten großen Möglichkeiten.

Man wirft mir Fakten, Statistiken, Straßen-, Kanal- und Eisenbahnkilometer an den Kopf.

Ich aber rede von Tausenden abgeschlachteter Menschen ...

 



[1]Ich beschränke mich hier auf diese, denn es würde den Rahmen dieses Textes sprengen, wenn ich auch auf die Entwicklungshilfe, die die sozialistischen Länder bis 1989/90 geleistet haben, eingehen würde. 

[2]Leider ist das Deckblatt dieses Lesebuches nicht erhalten geblieben, so kann ich nicht sicher sagen, wann es erschienen ist.