Laubendorf 23. September 1935 

 

 

Mein lieber Herr Groll!

 

… 

 

Nun etwas originelles, das aber zugleich tragische Formen annehmen hätte können. Also los damit. Wie Sie wissen, mein Lieber, war doch Reichsparteitag in Nürnberg. Das wird den Leuten, die ihn mitmachen müssen, fast alltäglich. Nicht alltäglich aber war die zur selben Zeit veranstaltete Kunstausstellung. Sagen wir einmal, etwas muss* auch für die Kunst, (vielmehr gegen die Kunst) getan werden. Also inszeniert man eben so etwas mit dem Motto: entartete Kunst. Heute noch, 1935!

 

Das Stadtmuseum unserer klassischen Stadt Dresden musste den Stoff liefern. Und es muß gesagt sein, lieferte ihn auch richtig. Obendrein so, dass jeder auf seine Kosten kam. Na es waren Bildchen darin, die es wert waren, dass man 10 Stunden hinläuft. Also kaum hatte ich erfahren, dass die Ausstellung stattfindet, so kam ich schon in Schwung, aber richtig, verstehen Sie. Wir riechen doch schon aus der ganzen Stimmung den Inhalt. Und nichts betrog. Ich sage Ihnen, ich kam voll auf meine Rechnung. Schon beim Betreten des Raumes flammt einem stärkste Glut entgegen. Und aber dort hinten, dort hinten mein lieber Herr Groll, dort hinten in einer Ecke leuchtets blau, ein Blau in allen Variationen u(nd) all seiner Schönheit. Ein wunderbares Grün, u(nd) die Emailtöne einer ganzen Fleischskala, verschmolzen zum Juwel von einem Bild, Kokoschkas ‚Heiden’. Der Titel besagt gar nichts, Farbe ist alles. Das Werk entstand in seiner stärksten Schaffensperiode, in seiner Dresdner Zeit. Die Farbe selbst pastos wie beim alten Rembrandt. Eine Orchestrierung der Töne, wie man es wirklich bei keinem modernen Maler mehr findet. Das Bild besitzt eine solche Suggestionskraft, die den Beschauer voll u ganz gefangen nimmt. Dann war noch dabei ein Heckel, ich glaube es ist der schönste Heckel, den es gibt. Ein sitzender Mann, ganz groß gesehen, herbe, beste deutsche Malerei, in den Farben die ganze Kostbarkeit zur Schau legend, wie es eine gotische Tafel oder Figur besitzt. Ein verwaschenes Blau, ein sparsames Rot, das wunderbar abklingt in ein Braun, übergeht in Ocker u(nd) Gelb. Das Bild besitzt die starke Kraft eines frühgotischen farbigen Holzschnittes. Und doch ist die Keuschheit der Linienführung da, ganz wie bei den alten, großen Werken jener grandiosen Epoche.

 

Um bei derselben Skala zu bleiben, Schmidt-Rottluff ist mit ein paar ganz kühnen Stücken da. Das Blau leuchtet wie ein Glasbild um das Jahr 1000. Rot glüht auf. Über allem liegt die große Einfachheit der Formen, die so ungemein beruhigt, neben all dem theaterhaften Wust der anderen Maler. Ein paar Prachtwerke des Dresdner Otto Lange, Blumenstücke von äußerster Delikatesse der Farbenwahl. Wenn diese Schöpfungen auch nicht die Tiefe Heckels erreichen, aber schön, unendlich schön sind sie alle.

 

Sehr, sehr viele Dinge von Felixmüller sind darunter, leider nur kleine Bildchen. Schade, dieses Talent verlangt Formate. Die Farben sind äußerst dekorativ. Da u(nd) dort brilliert die Kühnheit der Zeichnung. Dann aber meldet sich Dix. Einer Kriegsfanfare gleich. Das riesige Schützengrabenbild zeigt den ganzen Jammer von 4 schaurigen Jahren, wie eine grauenhafte Vision durch die Jahrhunderte eilend. Ein hysterisches Weibsbild, das gerade davorstand, meinte entrüstet: Entsetzlich! Entsetzlich!! Das ist ja abscheulich!! Die Malerei meinte sie, die Megäre. Nicht den Zustand. Sie wandte sich ab, fiel in das Lied unten vorbeiziehender Truppen ein u(nd) trällerte mit im Takte - - - die pflanz ich auf mein Grab - - -. Schauerlicher erlebte ich noch nie einen Totentanz als in diesen Minuten. Das ist ja alles heller Wahnsinn. So das waren also die Hauptdominanten. Der andere Kleinkram ist ja gar nicht der Mühe wert, um sich darüber aufzuregen. 

 

Nun das Persönliche. Gut aufpassen. Ich war ungefähr 4x in der Ausstellung. Das erste x entging ich haarscharf einer Lynchung. Das kam so. Ich stand etwa 20 Minuten vor den ‚Heiden’. Ganz allein. Das fällt natürlich auf unangenehm für manche Herrschaften. Plötzlich erhebt sich auf den Gängen ein Tumult, Schreie der Entrüstung u(nd) Empörung, Gelächter u(nd) Schimpfrufe dringen an mein Ohr, u(nd) sollten ja auch. Denn für mich war ja alles serviert. Ich muss betonen allerdings sehr, sehr heiß. Allen voran der Galeriediener, ein Idiot in Volksausgabe. Ich habe für die Kunst alles schon erduldet, Hunger, Not u(nd) wieder Not. Wurde selbst verlacht u(nd) geschimpft, aber auf solche gemeine Art angepöbelt wurde ich noch nicht. Aber auch dies ging vorbei. 

 

Und ihr großen Maler, eure Bilder werden noch leuchten, wenn dieser gemeinen u(nd) aufgehetzten Saubande schon längst das Maul mit Dreck gestopft ist. Dieser Saumob, wagt es heute an Dinge heranzutreten, die ihm so fremd geworden sind, nicht weil sich die Kunst entfremdet, dem sogenannten Volk entfremdet hat, wie politische Führer behaupten, sondern weil das Volk in dieser Schicht sich überhaupt noch nie für Kunst in jeder Form interessiert hat, desto mehr für Wirtsbudiken u(nd) Dinge, die in anderer Ferne liegen. Heute hetzt man Leute in Museen, die in ihrem Leben noch keinen Fuß über eine Treppe zu solchem Inhalt taten. Der andere Rest, die das Maul aufreißen, sind Illustratoren, die schöne Bildchen malen, feige ihren Geist, vorausgesetzt, dass sie überhaupt einen haben, verkaufen. Nun ja, der Zustand wird immer so bleiben. 

 

… 

 

Ich grüße Sie in alter Treue! …  Ihnen u(nd) Ihrer lieben Familie alles Gute von Ihrem 

 

Felix Müller  

 

 

 

 

*Teilweise wurde die Rechtschreibung den neuen Regeln angepasst. 

Auch habe ich, um den Text leichter lesbar zu machen, Absätze eingefügt.

 

 

Ein paar Worte noch zu Otto Groll (1899 - 1983):

Der Freund stammte aus Hohenstein-Ernstthal (Sachsen) und arbeitete als Dekorateur in Chemnitz, Dresden und Leipzig. Er kaufte zahlreiche Werke von Felix Müller, vermittelte viele aber auch an andere Kunstfreunde in seinem Umfeld. 

Ihre Korrespondenz begann 1928 und endete 1936.