Wann immer ich dieses Foto anschaue, geht mein Blick zuerst zu dem Gesicht, zum offenen Mund, zu den Augen, zur Stirn, später zur Schale, die vielleicht ein Hut ist und die leer geblieben ist. 

Hier schreit ein Mann um Hilfe ob des Elends, das ihm widerfährt. Aber vielleicht schreit er auch um Gnade. Oder er schreit vor Verzweiflung. Er wurde allein gelassen, er wurde ausgestoßen. Aber doch strahlt er in seinem Leid auch Würde aus …

 

Diese Skulptur formte Felix Müller 1933, also in einer Zeit, in der er auf mehrfache Weise um seine Existenz als Künstler ringen musste. Zur konsequenten Suche nach eigenen Ausdrucksformen kamen viele Sorgen, einmal die um das materielle Auskommen, aber auch die um das eigene Leben. Die Weltwirtschaftskrise, die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland hatten viele Menschen in bittere Armut getrieben, in ihrer Folge war der Faschismus an die Macht gehoben worden. 

Der Künstler hasste die „Braunen“; er sah sich mit seinem Schaffen von da an auch immer wieder in der Gefahr, verhaftet zu werden, nach Dachau zu kommen. Er buchstabierte das Wort in Briefen immer wieder auf diese Weise: „auch da“.

ABER gerade in dieser Zeit schuf Felix Müller Kunstwerke von einzigartigem Rang, wie eben jenen BETTLER. 

 

Bettlerdarstellungen gab es in der Kunst der Weimarer Republik viele. Viele Arbeitslose zogen bettelnd durch die Straßen (Mein Vater war einer von ihnen.), das forderte engagierte Künstlerinnen und Künstler heraus, jene Ausgestoßenen zu zeichnen, zu modellieren. Mir fallen Werke von Käthe Kollwitz ein, von George Grosz, Otto Dix oder auch der Bettler von Ernst Barlach, der im Hof des Senftenberger Museums steht. Es sind Werke, die mich immer wieder fesseln. Aber keins hat mich so nachdrücklich berührt wie dieser in Ton modellierte Bettler von Felix Müller. 

 

Die Plastik überstand wohl das zwölfjährige Reich nicht, sie ist verschollen. Aber es existieren Fotos wie dieses, die die große Ausdruckskraft jenes Werkes ahnen lassen.